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Wir
dienen und leisten – aus Neugier
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Interview mit Milo Stössel,
Präsident Clubjahr 2026/2027
Milo, Du und Dein Team haben scherzhaft um «Welpenschutz»
gebeten, weil Ihr alle noch nicht lange in Euren Ämtern seid. Nun sind die
ersten Wochen des Amtsjahrs vorbei: Braucht Ihr noch Welpenschutz?
Ein bisschen Schutz schadet nie –
aber wir brauchen ihn immer weniger. Der erste Montag fühlte sich an wie der
erste Schultag ... Ich kenne diesen Club doch schon seit einigen Jahren, den
Montagmittag im Netts Schützengarten, die Menschen. Und trotzdem ist alles
anders, wenn man plötzlich vorne steht. Diese Glocke ist übrigens schwerer, als
sie aussieht. Vera Weber, Thomas Addison und ich sind drei Welpen aus demselben
Wurf, alle neu im Amt. Welpen stolpern auch mal. Aber sie schnuppern an allem,
stehen wieder auf und schauen mit offenen Augen. Diese Energie bringen wir selbst
ein – die Erfahrung holen wir uns bei unseren Mitgliedern.
Ihr bestreitet das Jahr 1 nach dem grossen Jubiläum. Eine
besondere Voraussetzung?
Eher ein Privileg. Das
Jubiläumsjahr hat eindrücklich gezeigt, was in einem Jahrhundert aufgebaut
wurde. Aber ein zweites Jahrhundert beginnt man nicht mit Nostalgie, sondern
mit Neugier. Unsere Aufgabe ist es, aus dem gefeierten Erbe wieder gelebten Alltag
zu machen – jeden Montag, Lunch für Lunch. Die Jubiläumspräsidenten Konrad
Hummler und Thomas Scheitlin und das ganze Team haben uns ein bestelltes Feld
übergeben. Jetzt säen wir Neues.
Mit dem Motto «Stay CuRious» appelliert Ihr an die
Neugierde der Menschen. Ist das überhaupt ein rotarischer Wert?
Es ist der rotarische Wert
– Rotary ist buchstäblich aus Neugier entstanden. Paul Harris hat 1905 in
Chicago drei Männer an einen Tisch geholt, die beruflich nichts miteinander und
mit ihm als Anwalt zu tun hatten: einen Kohlenhändler, einen Bergbauingenieur,
einen Schneider. Die Gründungsidee basierte genau auf dem Interesse an
Branchen, Fähigkeiten und Persönlichkeiten, die nicht die eigenen sind. Bis
heute leben wir das mit der Klassifikation: möglichst viele Berufe, möglichst
viel Verschiedenheit an einem Tisch. Wenn wir also neugierig aufeinander
bleiben, sind wir nicht modern – wir sind original. Übrigens: Das R in unserem
Motto «Stay CuRious» ist golden. R wie Rotary. Wir stehen mittendrin.
Neben dem Motto hast Du auch den Leitsatz «Wir dienen und
leisten – aus Neugier» eingeführt ...
Ich komme aus dem Haus eines
Dienstleisters. Nimmt man dieses Wort auseinander, stecken darin genau zwei
Verben: dienen und leisten. Das ist keine Wortspielerei, das ist rotarische DNA
– das Ideal der Dienstbereitschaft steht in unserer Verfassung, die verantwortungsbewusste
Betätigung in unseren Statuten. Aber Dienen und Leisten ohne Neugier wird
schnell selbstgefällig: Man weiss schon alles, man macht es «wie immer». Wer
neugierig bleibt, hinterfragt sich – und nimmt sich nicht zu ernst. Darum gilt
für mich: Neugier als Haltung, Wirkung als Anspruch.
Mit Programmchefin Vera Weber und Sekretär Thomas Addison
hast Du einige Neuerungen eingeführt, vor allem versucht Ihr, den Club
digitaler zu machen …
Wir digitalisieren nicht um der
Technik willen, sondern für die Nähe. Ein kompaktes wöchentliches Bulletin: was
war, was kommt. Ein QR-Code nach jedem Lunch – drei Fragen, dreissig Sekunden,
damit wir wissen, was ankommt. Künstliche Intelligenz nutzen wir dort, wo sie
hilft, nicht dort, wo sie bloss glänzt. Und dann ist da unser Quiz «Wer bin
ich?»: An jedem Lunch rätseln wir anhand von drei Hinweisen, welches Mitglied
sich dahinter verbirgt. Denn wir sind 114 Mitglieder – und niemand von uns
kennt alle 114 wirklich. Das wollen wir ändern. Beim Auftakt war ich selbst das
Rätsel. Es wurde beschämend schnell gelöst.
Wie muss sich der Rotary Club St. Gallen entwickeln,
damit es auch eine 150-Jahr-Feier gibt?
Indem wir relevant bleiben statt
nur ehrwürdig. Ein Club, der neugierig auf Menschen und Themen ist, zieht auch
die nächste Generation an. Die Formen dürfen sich wandeln – der Kern bleibt:
Menschen, die in dieser Gesellschaft dienen und leisten wollen. Wenn wir das
Woche für Woche leben, kommt die 150-Jahr-Feier von selbst. Ich reserviere
schon mal den Montag.
Der St. Galler Unternehmer Milo
Stössel ist Mitinhaber und Verwaltungsratspräsident der MS Direct Group. Er ist
verheiratet und Vater von drei Kindern. Er gehört dem RC St. Gallen seit 2023 an.